In Zeiten von Finsternissen zu singen

„Das Licht muss von hinten kommen

 

 damit man seinen Schatten erkennen kann“, sagst du. So hatte ich das noch nie gesehen – wie Recht du hast!

Aber sieh, die meisten Leute wollen in den Sonnenuntergang reiten, ihr Gesicht ins Licht halten. „Geh mir aus der Sonne!“ sagen sie großspurig und du spürst, dass sie nicht viel halten von einer Schmalspurtreterin, wie du eine bist. Pioniere sind selten mainstream. Wer will schon seinen Schatten sehen?

 

Da ist es doch viel angenehmer, wenn er hinter einem zu Boden fällt – „Was hab ich denn mit dem zu tun?“ sagen die auf der Sonnenseite. Ihr Ton ist eine Spur zu laut und zu schrill, ihre diffuse Angst in den Stimmritzen nur schlecht verborgen.

 

Wenn das Licht von hinten kommt und sich vor einem golden zerstreut, kann man der Angst in ihre dunklen Augen blicken. Plötzlich erkennt man sie als alte Freundin, die schon lange wartet. Den Weg will sie dir erhellen, wenn der Schatten zu unheimlich scheint.

 

Nimm sie beide an der Hand, deine Angst und deinen Schatten – und siehe, da ist nichts, was du fürchten müsstest. Beide sind sie aus dem Licht geboren, Drillinge seid ihr aus demselben Samen, eineiig.

 

„Geh du voran!“ sage ich meinem Schatten, „Du kennst ja den Weg.“ und ich folge ihm, ruhig und voller Vertrauen. An den Tagen, an denen das Licht von hinten kommt.

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb