Phantastische Zukunftsmusik - damals...

Mit 17 schrieb ich vor allem Phantastisches und Science Fiction. Gerade habe ich diesen Text wiederentdeckt und ich mag immer noch, was die 17jährige damals  - inspiriert durch einen Song von Kate Bush - geschrieben hat...

 

Delius

 

 Unten am Fluß sitzt ein alter Mann. Frage ihn: “Was tust du hier? Was ist deine Aufgabe?“ und er wird dir antworten. Leise, so daß du dich anstrengen mußt, ihn zu verstehen. Er ist alt und hat fast keine Zähne mehr.

 

„Ich bin der Hüter des Sommers, der Bruder des Wassers.“ Du runzelst die Brauen, belustigt, findest ihn wunderlich. Doch du hast niemanden, mit dem du sprechen könntest, jetzt, in diesem Moment. Also setzt du dich zu ihm, auf den bemoosten Stein, und hörst ihm zu. Und er wird dir erzählen, von dem Murmeln des Flusses, wenn er mit den Kieseln seine Geheimnisse teilt. Von den Fischen, die ihren Weg nach Süden nehmen, und du weißt nicht, was Fische sind. Du schaust staunend in das Gesicht, das von tiefen Gräben durchzogen ist, bewunderst das schmutzigweiße Gestrüpp, das seinen Kopf wie eine Krone umgibt und ekelst dich vor den gelbbraunen Stummeln, die einmal seine Zähne waren.

 

Er stammt aus einer anderen Welt, die nicht die deine ist und du wirst großes Glück haben, wenn er dir ein Stück davon zeigt. Er wird es dir vor die Füße werfen wie einem Hund ein Stück Fleisch. Du wirst es verschlingen, gierig, in einem Stück, und erst wenn du fertig bist wirst du merken, daß du zu kauen vergessen hast. Du hast dich in der Gewalt, natürlich. Du bist kein Spinner, kein Träumer, du bist Realist und der Alte, der gehört in eine Anstalt.

 

Doch du kannst nicht gehen, könntest es nicht, selbst wenn du wolltest. Du siehst seine Finger, die schmal sind, geschmeidig, sehr jung. Sie flechten einen Kranz aus Blumen und du hast nie vorher Blumen gesehen. Du willst fragen, willst alles wissen, doch der Alte sieht dich an und du weißt, daß du schweigen mußt. Der Mund des Alten lächelt dich an, dich, der staunt, denn du hast niemals vorher ein Lächeln gesehen. Du hast keine Angst mehr; wieso hattest du welche? Angst vor einem Irren, lächerlich. Du bist in seiner Gewalt, bist in seinem Bann. Du sitzt an seiner Seite und spürst, daß du diesen Platz nie mehr verlassen wirst. Du wirst Zeit haben, viel Zeit und du wußtest nie vorher, was Zeit ist...

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb