Vom Leiden an der Unzulänglichkeit von Sprache

Schreiben können, alles beschreiben können, Worte finden für alles, was mir begegnet, niemals sprachlos werden vor der Vielfalt des Seins. Begriffe haben für alle Gerüche, Klänge, Bilder, alle Geschmäcker, alle Berührungen, alle Gefühle.

Ausdruck finden für alles, was geschieht in der äußeren Welt, die weit ist und hell und bunt und schön und erschreckend. Sprache hervorbringen für alles, was mir widerfährt in der inneren Welt, die eigen ist und dunkel und schillernd und schön und erschreckend. Worte ersinnen, Worte formen für das Unbeschreibliche in mir und außer mir. Mich beschreibend bemächtigen der Welten, die mich umgeben und mich ausmachen, die mich gestalten, mich erst ermöglichen.

Nach Worten suchen, getrieben sein im Ringen um Worte, mit denen erst ich mich verständigen kann über das Dasein, über mich selbst, über das andere, mit mir selbst, mit anderen. Erst existent werden im Versuch, Wahrnehmung zu erklären, Sein zu deuten. Mir selbst erst lebendig werden im Stammeln der notdürftigen Beschreibungen dessen, was ich schmecke, rieche, sehe, höre, fühle.

 

Worte erspüren, mich herantasten, ihnen Form geben, sie begreifen, gestalten. Einen Klang erzeugen, ihm lauschen, ihn widerhallen lassen, Harmonien schöpfen, zur Symphonie komponieren. Begriffe ausmalen, Schattierungen wählen, Farbnuancen mischen, Konturen zeichnen, Übergänge schraffieren. Einen Duft entwickeln, Wortessenzen destillieren, extrahiert aus Muttersprachblüten, Dialekthölzern, Zeitgeistgräsern, Fremdsprachgewürzen. Buchstaben abmessen, zueinander geben, sie verrühren, verquirlen, köcheln lassen, dann abschmecken, ein Menü zusammenstellen, servieren, es auskosten. Begraben werden unter dem Chaos aus Torsen, Lärm, Krakeleien, Mief und Tütensuppen. Verstummen. Gescheitert sein, wieder einmal.

 

Nicht aufgeben wollen. Sich den Berg hinaufwälzen wie ein Stein. Neue Worte in Angriff nehmen. Mühsam. Schreiben wollen, alles beschreiben wollen, Worte finden wollen für alles, alles, alles! Dilettantisch sein, stümperhaft, unzulänglich. Nicht anders können. Niemals aufgeben! Weitersuchen, weiterringen, weiterwürgen an dem Wort, das es trifft, das Anhauch gibt von diesem Glanz, der durchscheint, von irgendwo weit draußen. Umkreisen, umzingeln, irgendwo muss es sein, das Wort, das treffende, das umfassende, das vieldimensionale, der Gral. Den Abgrund übersehen. Hineinstürzen in die Stille. Es dort finden. Den Nichtklang. Das Nichtwort.

 

Wieder hinauf müssen. Hinaus aus der Seligkeit. Lebendig sein müssen. Künden müssen. Stimme sein müssen. Nicht anders können. Dilettantisch sein, stümperhaft, unzulänglich. Es zumindest versuchen. Das ist alles, was ich vermag.

Barbara F. Kolb