Liebe Oma Maria

Heute hättest Du Geburtstag, den 106., wenn ich richtig rechne. An Deinem 100. Geburtstag habe ich die folgende Kurzgeschichte geschrieben, die passenderweise von einer Enkelin handelt.

In unserer Familie sind ja auch die Verstorbenen immer noch lebendiger und präsenter Teil der Sippe. Und so wie wir es tun würden, wenn wir alle beisammen wären, sage ich es jetzt stellvertretend für alle Lebenden mit erhobenem Glas in Deine Richtung: "Prost Oma!"

 

 

…und hinter tausend Stäben…

 Barbara F. Kolb

 

Langsam steige ich die Stufen zum Wohnwagen hinauf. Die Tür quietscht in den Angeln, als ich sie behutsam aufdrücke. Meine Augen brauchen eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich bleibe im Türrahmen stehen und schnuppere den vertrauten Duft nach wildem Tier und Lavendel. In einem Lichtstrahl, der auf der gegenüberliegenden Wand ein Herz zeichnet, tanzen Staubkörner. Ich taste mich durch das Dämmerlicht und stoße die durchbrochenen Fensterläden auf, bemerke, dass der türkisfarbene Lack abblättert. Alles scheint unverändert, das weinrote Sofa mit den bunten Seidenkissen, der Schaukelstuhl mit dem Überwurf aus bestickter Wolle, die winzige Küchenecke. Die eiserne Pfanne hängt noch immer über den beiden Herdplatten. Auf dem Tisch steht eine Vase mit verwelkten Pfingstrosen, die beiden Stühle stehen dort, als würdest du heute noch Gäste erwarten. Warum musstest du ausgerechnet im Frühling sterben? Und dazu noch so kurz nach meinem Geburtstag! Ich wollte dich zu dem deinigen besuchen, der im frühen Herbst gewesen wäre, wollte dir erzählen, dass ich angenommen bin am veterinärmedizinischen Institut, die schwere Prüfung bestanden habe gleich beim ersten Mal. Und du hättest voller Stolz auf mich herabgeschaut und dir im Stillen gedacht, dass ich doch nicht ganz aus der Art geschlagen bin.

 

Aber du weißt, dass ich das immer gewusst habe, dass ich nach dir komme, Oma. Auch wenn Mama sich nie mit dem Wanderleben der Zirkusleute anfreunden konnte und so früh wie möglich ihr Heil in der Flucht gesucht hat. Paps schien ihr die Rettung in ein bürgerliches Leben, ein Buchhalter war dazu bestens geeignet, dachte sie. Es schnitt mir als kleines Mädchen tief ins Herz wenn ich sie am Fenster stehen sah wenn sie sich unbeobachtet glaubte, den Blick weit in die Ferne gerichtet und leise Tränen weinend. Nie verlor sie ein Wort über ihre Sehnsucht aber ich spürte sie wohl.

 

Sie hätte sicherlich nicht gewollt, dass ich dich treffe, mich infiziere mit dem Virus, den Vagabunden in sich tragen, aber ich wusste immer, wo der Zirkus gerade spielt und schon mit 11 war ich das erste Mal heimlich in der Vorstellung.

 

Du warst keine Dompteuse, du warst die Löwenflüstererin. Ein Blick aus deinen grünen Katzenaugen, eine kleine Bewegung Deiner Hand genügte und die prachtvollen Tiere, die gerade noch wild und knurrend durch die Manege geschlichen waren, taten zahm wie Kätzchen und vollführten die unglaublichsten Kunststücke. Du warst die einzige weit und breit, die sich traute, sich in die Manege zu legen und gleich zwei Löwen legten sich quer darüber als wärt ihr drei Bettvorleger. Das Publikum tobte, damals, als Zirkus noch etwas Besonderes war.

 

Die letzten Jahre haben dir zugesetzt, es wurde immer schwerer und Samson, dein Liebling, konnte nicht ersetzt werden, nachdem er eingeschläfert werden musste. Ja, ich weiß, ich bin die letzten Jahre nicht mehr oft zu dir gekommen, erst das Abi und dann die missglückten Versuche mit Jura und Psychologie. Ich hab mich als Versagerin gefühlt und bin durch Europa getrampt, hab mir den Wind um die Nase wehen lassen fast ein Jahr lang, bis ich wusste, was ich eigentlich will.

 

Letzte Woche dann kam der Schlüssel vom Wohnwagen mit der Post vom Notar. Warum hast Du niemandem gesagt, dass die tägliche Zigarre ihren Tribut gefordert hat? Ich wäre doch gekommen, wenn Du geschrieben hättest! Oder angerufen! Aber du wolltest ja nicht einmal meine Handynummer, hieltest das für überflüssigen Modekram, dass man sich überall erreichen kann. Nun hast Du Deine letzte Vorstellung ohne mich gegeben und ich weiß noch nicht mal, ob Mama bei Deiner Beerdigung war. Ob ihr wieder miteinander gesprochen habt, bevor es zu spät war? Vielleicht sollte ich mal wieder mit Mama reden, bevor es zu spät ist.

 

Der Schaukelstuhl liegt nun ganz im Schatten. Ich stehe auf und greife im Hinausgehen das Wolltuch, falte es zum Dreieck und schlinge es mir um die Schultern. Leise schließe ich die Tür ohne sie zu versperren, winde mich an alten Bauwagen und Autowracks vorbei und verlasse den Schrottplatz, ohne mich noch einmal umzudrehen.