Immer wieder neulanden

Neuland

 

 Dann bin ich nach Neuland gegangen. Neuland ist groß und unüberschaubar. Es bietet keinen Schutz, keine Nische, keinen Unterschlupf. Wenn mir bange wird – und das wird es zuweilen – muss ich mich zusammenkauern, Arme um die Knie geschlungen, Kopf in den Schoß gedrückt, den heißen Atem beruhigend, das klopfende Herz zur Ruhe mahnend. Ich werde mir eine Höhle graben.

 Der weite Blick, die schutzlose Kargheit, der endlose Weg bis zum Horizont, das ist es, was ich an Neuland so liebe – wenn ich die in mich verbissene Angst wieder abgeschüttelt habe. Raum, viel Raum zum Ausfüllen, fruchtbares Land zum Bebauen, keine Regeln, die mir vorgegeben wären. Ich raschle mit den Samen der wilden Gewächse, die ich auf meiner Reise gesammelt habe und schöpfe Mut aus ihrem Wispern.

 Ich grabe mit bloßen Händen. Es ist nicht erlaubt, etwas außer dem nackten Leben mit nach Neuland zu nehmen. Als sie mich fragten, ob ich etwas zu verzollen hätte, habe ich nur stumm den Kopf geschüttelt. Keiner hat bemerkt, was ich an wertvoller Fracht in meiner Mundhöhle trug. Etwas Gerissenheit gehört dazu, wenn man Neuland befrieden will.

  Als ich mich zu diesem Schritt entschloss, konnte mir keiner berichten, was in Neuland sein würde. Man munkelte, dass es der einzige Weg in die Freiheit sei. Genau da wollte ich hin, das war mein einziges Ziel. Zu dem Lichtschein am Horizont, am anderen Ufer des Ozeans, vor dem ich sehnsüchtig stand.

 Also baute ich mir ein Floß aus dem Treibholz, das von meinen Erinnerungen angeschwemmt worden war. Als die Wellen es zerfetzten, waren aus meinen Träumen Schwimmhäute und Kiemen gewachsen. In die Tiefen der See zu fallen, ohne zu ertrinken, gab mir Mut, weiter dem Polarstern zu folgen, wenn die Müdigkeit mich verzagen lassen wollte.

 Ich merkte, dass ich am schnellsten vorankam, wenn ich mich treiben ließ, auf dem Rücken im Wasser liegend und ins tiefschwarze Firmament staunend. In der samtenen Dunkelheit einen Anhauch der Ewigkeit erfahrend und davon nicht mehr zu Tode erschreckend. Als ich wieder um mich blickte, lag ich im warmen Sonnenlicht am Ufer der neuen Gestade.

  In Neuland ist gut sein. Wenn die Weite mich nicht gerade zu erdrücken droht. Meine Hände rillen fünffache Spuren in die fruchtbare schwarze Erde. Das Eiland ist aufgeschüttet aus dem Humus unzähliger verrotteter Visionen. Ich werde es urbar machen. Körnchen für Körnchen lege ich vor mich in die schwarze Scholle und spreche über jedem einen hoffnungsvollen Segen. Und wenn mich die Furcht wieder anspringt, werde ich mich in meiner Höhle zu schützen wissen. Mächtig sind die Gesänge der Mutigen, kraftvoll die Melodie des Aufbruchs.

 Dann sehe ich das zitternde Kind, das in mir wohnt. Auf einmal steht es vor mir und blickt mich mit seinen ängstlichen Augen an. Als hätte ich es mitgenommen, ohne es um Erlaubnis zu fragen. Ich gehe in die Hocke - seit wann bin ich so groß? - lege meine Hände auf seine Schultern und schaue ihm fest in die noch flackernden Augen. 

Und sein Blick wird sicherer, das Zittern um den Mund wächst zu einem Lächeln. Und dann zieht es mich auf die Füße, steht jetzt in gleicher Höhe mit mir. Und Arm in Arm gehen wir miteinander, durchschreiten Neuland ruhigen Schrittes, mit erhobenem Kopf dem Wind entgegen, der uns die Stirn küsst. Und als ich mich umwende, sehe ich nur eine Fußspur im Sand, die der abflauende Sturm sofort wieder verwischt. Und ich weiß, es ist gut so.

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb