Immer wieder neulanden

Neuland

 

 Dann bin ich nach Neuland gegangen. Neuland ist groß und unüberschaubar. Es bietet keinen Schutz, keine Nische, keinen Unterschlupf. Wenn mir bange wird – und das wird es zuweilen – muss ich mich zusammenkauern, Arme um die Knie geschlungen, Kopf in den Schoß gedrückt, den heißen Atem beruhigend, das klopfende Herz zur Ruhe mahnend. Ich werde mir eine Höhle graben.

 Der weite Blick, die schutzlose Kargheit, der endlose Weg bis zum Horizont, das ist es, was ich an Neuland so liebe – wenn ich die in mich verbissene Angst wieder abgeschüttelt habe. Raum, viel Raum zum Ausfüllen, fruchtbares Land zum Bebauen, keine Regeln, die mir vorgegeben wären. Ich raschle mit den Samen der wilden Gewächse, die ich auf meiner Reise gesammelt habe und schöpfe Mut aus ihrem Wispern.

 Ich grabe mit bloßen Händen. Es ist nicht erlaubt, etwas außer dem nackten Leben mit nach Neuland zu nehmen. Als sie mich fragten, ob ich etwas zu verzollen hätte, habe ich nur stumm den Kopf geschüttelt. Keiner hat bemerkt, was ich an wertvoller Fracht in meiner Mundhöhle trug. Etwas Gerissenheit gehört dazu, wenn man Neuland befrieden will.

  Als ich mich zu diesem Schritt entschloss, konnte mir keiner berichten, was in Neuland sein würde. Man munkelte, dass es der einzige Weg in die Freiheit sei. Genau da wollte ich hin, das war mein einziges Ziel. Zu dem Lichtschein am Horizont, am anderen Ufer des Ozeans, vor dem ich sehnsüchtig stand.

 Also baute ich mir ein Floß aus dem Treibholz, das von meinen Erinnerungen angeschwemmt worden war. Als die Wellen es zerfetzten, waren aus meinen Träumen Schwimmhäute und Kiemen gewachsen. In die Tiefen der See zu fallen, ohne zu ertrinken, gab mir Mut, weiter dem Polarstern zu folgen, wenn die Müdigkeit mich verzagen lassen wollte.

 Ich merkte, dass ich am schnellsten vorankam, wenn ich mich treiben ließ, auf dem Rücken im Wasser liegend und ins tiefschwarze Firmament staunend. In der samtenen Dunkelheit einen Anhauch der Ewigkeit erfahrend und davon nicht mehr zu Tode erschreckend. Als ich wieder um mich blickte, lag ich im warmen Sonnenlicht am Ufer der neuen Gestade.

  In Neuland ist gut sein. Wenn die Weite mich nicht gerade zu erdrücken droht. Meine Hände rillen fünffache Spuren in die fruchtbare schwarze Erde. Das Eiland ist aufgeschüttet aus dem Humus unzähliger verrotteter Visionen. Ich werde es urbar machen. Körnchen für Körnchen lege ich vor mich in die schwarze Scholle und spreche über jedem einen hoffnungsvollen Segen. Und wenn mich die Furcht wieder anspringt, werde ich mich in meiner Höhle zu schützen wissen. Mächtig sind die Gesänge der Mutigen, kraftvoll die Melodie des Aufbruchs.

 Dann sehe ich das zitternde Kind, das in mir wohnt. Auf einmal steht es vor mir und blickt mich mit seinen ängstlichen Augen an. Als hätte ich es mitgenommen, ohne es um Erlaubnis zu fragen. Ich gehe in die Hocke - seit wann bin ich so groß? - lege meine Hände auf seine Schultern und schaue ihm fest in die noch flackernden Augen. 

Und sein Blick wird sicherer, das Zittern um den Mund wächst zu einem Lächeln. Und dann zieht es mich auf die Füße, steht jetzt in gleicher Höhe mit mir. Und Arm in Arm gehen wir miteinander, durchschreiten Neuland ruhigen Schrittes, mit erhobenem Kopf dem Wind entgegen, der uns die Stirn küsst. Und als ich mich umwende, sehe ich nur eine Fußspur im Sand, die der abflauende Sturm sofort wieder verwischt. Und ich weiß, es ist gut so.

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb

 


Erholsamen, schönen, wilden Sommer!

Ich bin des Sommers wildes Weib

 

Er wirft mir seinen heißen Atem ins Gesicht

begehrend schwer wie nach dem Hochzeitsschmaus

Sein Leib, er dünstet süße Schwüle aus

als seufze er herbei unsere Liebesnacht

 

Verzehrend reißt der Wind an meinem Haar

verstörend flimmert Luft über den Sand

ich gebe mich der Hitze in die Hand

Verschmelze fast mit glittergleichem Staub

 

Die Wiesen dämmern schon mehr gilb als grün

verströmen dennoch süße Blütenfülle

versinken möcht ich aber auch entfliehn

gebunden bin ich in des Körpers Hülle

 


In sommerlicher Hitze erfrischen sie ganz besonders, die

Luftiküsse

Barbara F. Kolb

 

karamellig, marzipanig,

himbeereisig, schokoladig,

leckerschmeckig, honigsüß

fruchtig, cremig, Paradies,

aromatisch, prickelnd, spritzig,

ganz fantastisch, kribbelnd, witzig,

Blütenzauber, Meeresluft,

Mandelhauch und Rosenduft.

 

Kinder, was ein Hochgenuss –

So schmeckt nur ein Luftikuss

 


AufBruch

Und weiter geht die Reise. Wer einmal aufgebrochen ist, wächst so schnell nicht mehr zu. Das Unterwegssein wird zur Gewohnheit, zur liebgewonnenen. Jeglicher Stillstand wird als Schmerz empfunden, als sei das Blut selbst ins Stocken geraten, der Fluss verkrustet und nur noch Erinnerung in rissigem Lehm.

  

Und wahrhaftig findet sich jegliche Erfahrung auf dem Wege, im Reisen, in Begegnungen, die nur vordergründig flüchtig sind, tatsächlich aber nicht gebunden an Zeit und Raum in ihrer Tiefe und Innigkeit. Es gilt zu lernen, dass die Dimensionen von Austausch, Zuneigung, Liebe, sich in der Intensität des Augenblicks eröffnen, nicht in der Dauer des Beisammenseins. Dass alles gesagt, gefühlt, verstanden werden kann im Bruchteil einer Sekunde, in einem Blick, einem Wort, einem Seufzer, einer Schwingung, einem Schweigen. Das ist die Erfahrung, die niemals mehr ganz vergessen werden kann, auch wenn sie zuweilen verblasst: dass Liebe sich im Lieben erschöpft, dass sie räumliche und zeitliche Entfernung durchdringt, wie das Licht, gleichzeitig Welle und Korpuskel, Schwingung und Materie, Klang und Farbe.

 


Zu Pfingsten

 

 

Nicht müde werden

sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.

 

Hilde Domin


Kleine Drachen

laufen einem dann über dem Weg, wenn man sich von etwas Regen nicht davon abhalten lässt. in die "Wildnis" hinaus zu gehen. In diesem Fall ist sie ganz nahe der Großstadt und dennoch voller Überraschungen.

 

Und wie das oft so ist: kaum zweihundert Meter weiter begegnete uns ein weiteres Prachtexemplar dieser faszinierenden Kreaturen.

 

Da bekommt das Wort "Großstadtdschungel" doch gleich eine ganz andere Bedeutung...

 

 

 

 

 


Das Leben

gibt uns meistens nicht das, was wir uns wünschen, sondern das was wir brauchen. Manchmal stimmt beides überein - goldene Glücksmomente!

 

Wenn wir darauf vertrauen, dass das Leben, das Große Ganze, das AllEins genau weiß, was am Besten für uns ist, dann können wir uns seinem Fließen hingeben. Dann, wenn wir die (ohnehin nur  vermeintliche) Kontrolle aufgeben, wird unser Leben magisch und die Dinge beginnen, sich zu synchronisieren.

 

Dann erfassen wir die perfekte Choreographie, hören die stimmige Symphonie, sehen das kunstvolle Gewebe des Wandteppichs unseres Lebens. Und wir erkennen seine einzigartige Schönheit. Eine Schönheit, die es ohne unseren ureigenen Weg nicht gäbe in dieser Welt, die ihr fehlen würde ohne unser Gewordensein und Werden.

 

Dies sind die Momente, in denen wir erkennen, dass Schmerz und Ängste gelohnt haben, um genau dorthin zu gelangen, wo unser Platz ist.

 

Und genau dann können wir anfangen mitzugestalten, mitzuerschaffen, unsere Schöpferkraft einzusetzen um Dinge richtig zu stellen und wieder in die Ordnung zu bringen, die für uns, unser Familiensystem und das Kollektiv am sinnvollsten ist. Das ist heiliges und heilsames Handeln, egal ob wir schreiben, malen, gestalten, singen, mit Begeisterung arbeiten, aus Chaos Neues erschaffen oder einfach nur lieben. Für mich ist das GottesDienst im ursprünglichen Sinne. Deswegen sind wir hier. HöchstLebendig.

Barbara F. Kolb

 


Eine Abendstimmung

Ein besonderer Freund hat mir zum letzten runden Geburtstag den Gedichtband "Die Bettlerschale" der Kärtner Schriftstellerin Christine Lavant (1915 - 1973) geschenkt, deren melancholischen und kraftvolle Verse mich immer wieder neu berühren. So auch diese:

 

 

Auf meinen Fingernägeln glänzt das Licht

der Stubenlampe und im Birnenlaub

die ersten Tropfen eines Abendregens.

Verwirrte Schwalben knüpfen mir ein Netz

aus schwarzen Flügeln um die Angstgedanken.

Sehr schön geborgen ist mein armes Herz

im Rot der Blume, die die Nachbarsfrau

mir gestern schenkte, weil am Muttertag

sich meine Vase sonst verstecken müsste.

 

 

 


In Zeiten der Selbstoptimierung treffe ich eine

Entscheidung

Barbara F. Kolb

 

Will mein gelebtes Leben tragen im Gesicht.

Gefühle, die sich eingegraben, nicht

Glattbügeln, nur um ewig jung zu scheinen,

Die Fülle meiner Jahre nicht verneinen.

  

Bin nämlich auf mein Sein vielfältig stolz

Und außerdem gewachsen aus dem Holz,

Das Furchen zeigt, knorrige Rinde, Riefen.

Das bleibt nun mal nicht aus in ausgelebten Tiefen.

 

So trage ich mit Stolz des Lebens Ringe,

Mein wahres Alter als mein Maß der Dinge.

 


Liebe Oma Maria

Heute hättest Du Geburtstag, den 106., wenn ich richtig rechne. An Deinem 100. Geburtstag habe ich die folgende Kurzgeschichte geschrieben, die passenderweise von einer Enkelin handelt.

In unserer Familie sind ja auch die Verstorbenen immer noch lebendiger und präsenter Teil der Sippe. Und so wie wir es tun würden, wenn wir alle beisammen wären, sage ich es jetzt stellvertretend für alle Lebenden mit erhobenem Glas in Deine Richtung: "Prost Oma!"

 

 

…und hinter tausend Stäben…

 Barbara F. Kolb

 

Langsam steige ich die Stufen zum Wohnwagen hinauf. Die Tür quietscht in den Angeln, als ich sie behutsam aufdrücke. Meine Augen brauchen eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich bleibe im Türrahmen stehen und schnuppere den vertrauten Duft nach wildem Tier und Lavendel. In einem Lichtstrahl, der auf der gegenüberliegenden Wand ein Herz zeichnet, tanzen Staubkörner. Ich taste mich durch das Dämmerlicht und stoße die durchbrochenen Fensterläden auf, bemerke, dass der türkisfarbene Lack abblättert. Alles scheint unverändert, das weinrote Sofa mit den bunten Seidenkissen, der Schaukelstuhl mit dem Überwurf aus bestickter Wolle, die winzige Küchenecke. Die eiserne Pfanne hängt noch immer über den beiden Herdplatten. Auf dem Tisch steht eine Vase mit verwelkten Pfingstrosen, die beiden Stühle stehen dort, als würdest du heute noch Gäste erwarten. Warum musstest du ausgerechnet im Frühling sterben? Und dazu noch so kurz nach meinem Geburtstag! Ich wollte dich zu dem deinigen besuchen, der im frühen Herbst gewesen wäre, wollte dir erzählen, dass ich angenommen bin am veterinärmedizinischen Institut, die schwere Prüfung bestanden habe gleich beim ersten Mal. Und du hättest voller Stolz auf mich herabgeschaut und dir im Stillen gedacht, dass ich doch nicht ganz aus der Art geschlagen bin.

 

Aber du weißt, dass ich das immer gewusst habe, dass ich nach dir komme, Oma. Auch wenn Mama sich nie mit dem Wanderleben der Zirkusleute anfreunden konnte und so früh wie möglich ihr Heil in der Flucht gesucht hat. Paps schien ihr die Rettung in ein bürgerliches Leben, ein Buchhalter war dazu bestens geeignet, dachte sie. Es schnitt mir als kleines Mädchen tief ins Herz wenn ich sie am Fenster stehen sah wenn sie sich unbeobachtet glaubte, den Blick weit in die Ferne gerichtet und leise Tränen weinend. Nie verlor sie ein Wort über ihre Sehnsucht aber ich spürte sie wohl.

 

Sie hätte sicherlich nicht gewollt, dass ich dich treffe, mich infiziere mit dem Virus, den Vagabunden in sich tragen, aber ich wusste immer, wo der Zirkus gerade spielt und schon mit 11 war ich das erste Mal heimlich in der Vorstellung.

 

Du warst keine Dompteuse, du warst die Löwenflüstererin. Ein Blick aus deinen grünen Katzenaugen, eine kleine Bewegung Deiner Hand genügte und die prachtvollen Tiere, die gerade noch wild und knurrend durch die Manege geschlichen waren, taten zahm wie Kätzchen und vollführten die unglaublichsten Kunststücke. Du warst die einzige weit und breit, die sich traute, sich in die Manege zu legen und gleich zwei Löwen legten sich quer darüber als wärt ihr drei Bettvorleger. Das Publikum tobte, damals, als Zirkus noch etwas Besonderes war.

 

Die letzten Jahre haben dir zugesetzt, es wurde immer schwerer und Samson, dein Liebling, konnte nicht ersetzt werden, nachdem er eingeschläfert werden musste. Ja, ich weiß, ich bin die letzten Jahre nicht mehr oft zu dir gekommen, erst das Abi und dann die missglückten Versuche mit Jura und Psychologie. Ich hab mich als Versagerin gefühlt und bin durch Europa getrampt, hab mir den Wind um die Nase wehen lassen fast ein Jahr lang, bis ich wusste, was ich eigentlich will.

 

Letzte Woche dann kam der Schlüssel vom Wohnwagen mit der Post vom Notar. Warum hast Du niemandem gesagt, dass die tägliche Zigarre ihren Tribut gefordert hat? Ich wäre doch gekommen, wenn Du geschrieben hättest! Oder angerufen! Aber du wolltest ja nicht einmal meine Handynummer, hieltest das für überflüssigen Modekram, dass man sich überall erreichen kann. Nun hast Du Deine letzte Vorstellung ohne mich gegeben und ich weiß noch nicht mal, ob Mama bei Deiner Beerdigung war. Ob ihr wieder miteinander gesprochen habt, bevor es zu spät war? Vielleicht sollte ich mal wieder mit Mama reden, bevor es zu spät ist.

 

Der Schaukelstuhl liegt nun ganz im Schatten. Ich stehe auf und greife im Hinausgehen das Wolltuch, falte es zum Dreieck und schlinge es mir um die Schultern. Leise schließe ich die Tür ohne sie zu versperren, winde mich an alten Bauwagen und Autowracks vorbei und verlasse den Schrottplatz, ohne mich noch einmal umzudrehen.

 


Vom Leiden an der Unzulänglichkeit von Sprache

Schreiben können, alles beschreiben können, Worte finden für alles, was mir begegnet, niemals sprachlos werden vor der Vielfalt des Seins. Begriffe haben für alle Gerüche, Klänge, Bilder, alle Geschmäcker, alle Berührungen, alle Gefühle.

Ausdruck finden für alles, was geschieht in der äußeren Welt, die weit ist und hell und bunt und schön und erschreckend. Sprache hervorbringen für alles, was mir widerfährt in der inneren Welt, die eigen ist und dunkel und schillernd und schön und erschreckend. Worte ersinnen, Worte formen für das Unbeschreibliche in mir und außer mir. Mich beschreibend bemächtigen der Welten, die mich umgeben und mich ausmachen, die mich gestalten, mich erst ermöglichen.

Nach Worten suchen, getrieben sein im Ringen um Worte, mit denen erst ich mich verständigen kann über das Dasein, über mich selbst, über das andere, mit mir selbst, mit anderen. Erst existent werden im Versuch, Wahrnehmung zu erklären, Sein zu deuten. Mir selbst erst lebendig werden im Stammeln der notdürftigen Beschreibungen dessen, was ich schmecke, rieche, sehe, höre, fühle.

 

Worte erspüren, mich herantasten, ihnen Form geben, sie begreifen, gestalten. Einen Klang erzeugen, ihm lauschen, ihn widerhallen lassen, Harmonien schöpfen, zur Symphonie komponieren. Begriffe ausmalen, Schattierungen wählen, Farbnuancen mischen, Konturen zeichnen, Übergänge schraffieren. Einen Duft entwickeln, Wortessenzen destillieren, extrahiert aus Muttersprachblüten, Dialekthölzern, Zeitgeistgräsern, Fremdsprachgewürzen. Buchstaben abmessen, zueinander geben, sie verrühren, verquirlen, köcheln lassen, dann abschmecken, ein Menü zusammenstellen, servieren, es auskosten. Begraben werden unter dem Chaos aus Torsen, Lärm, Krakeleien, Mief und Tütensuppen. Verstummen. Gescheitert sein, wieder einmal.

 

Nicht aufgeben wollen. Sich den Berg hinaufwälzen wie ein Stein. Neue Worte in Angriff nehmen. Mühsam. Schreiben wollen, alles beschreiben wollen, Worte finden wollen für alles, alles, alles! Dilettantisch sein, stümperhaft, unzulänglich. Nicht anders können. Niemals aufgeben! Weitersuchen, weiterringen, weiterwürgen an dem Wort, das es trifft, das Anhauch gibt von diesem Glanz, der durchscheint, von irgendwo weit draußen. Umkreisen, umzingeln, irgendwo muss es sein, das Wort, das treffende, das umfassende, das vieldimensionale, der Gral. Den Abgrund übersehen. Hineinstürzen in die Stille. Es dort finden. Den Nichtklang. Das Nichtwort.

 

Wieder hinauf müssen. Hinaus aus der Seligkeit. Lebendig sein müssen. Künden müssen. Stimme sein müssen. Nicht anders können. Dilettantisch sein, stümperhaft, unzulänglich. Es zumindest versuchen. Das ist alles, was ich vermag.

Barbara F. Kolb

 


FeierTag

Seit meiner frühen Kindheit bin ich von Menschen umgeben, die um die Osterzeit geboren sind. Sie sind mir wertvolle WegbegleiterInnen, weil sie mir mit ihrer Widderkraft so manch notwendenden AnStoß geben. Manche vermeintliche NiederLage konnte ich so als WiederAufStand erleben.

Heute hat eine von ihnen Geburtstag. Ohne sie wäre mein Schreiben nicht das, was es ist. Ohne unseren Austausch wären viele meiner Texte nicht entstanden. Herzlichen Glückwunsch, liebste Freundin!

 

über die schatten springen

einfach so

dazu bist du nie zu alt

das kriegst du auch noch

an zwei krücken hin

vertraue dir

wenn es dir an mut fehlt

wenn dich der übermut

im stich lässt

versuche es mit demut

mit sanftmut

glaube an dich

die schatten werden

vor dir weichen

 

beatrix i. silvanus

 


Ostersegen

Gesegnete und friedvolle Ostern Euch und all Euren Lieben!

 

Möge die Kraft der Auferstehung uns Flügel verleihen und das Christuslicht uns den Weg erhellen.

Möge der Frühling uns und unsere Talente erblühen lassen.

Mögen wir in unserem vollen Licht erstrahlen und unseren Segen in die Welt tragen.

Möge sich unser innerer Friede ausbreiten vom Kleinen ins Große hinein.

Möge die Liebe stärker sein als alle Illusion von Getrenntheit.

 


In diesen Tagen vor Ostern

möchte ich Paula Ludwig zu Wort kommen lassen, deren Psalm mich schon eine geraume Weile begleitet und mir gerade wieder in den Sinn gekommen ist.

 

Psalm

 

Wir Menschen, wir.

Dass unsere Hände doch behutsamer ineinandergreifen,

sich zum Troste!

Aber der Tag ist laut von den schreienden Stimmen.

 

Ich möchte meine Straße gehen

und alle grüßen, die mir begegnen,

aber bei keinem länger verweilen.

 

Ich habe noch niemals nachgedacht,

was die Priester lehren,

aber ich fühle an diesem Abend

noch viele verlassene Dinge bereitstehen für mich.

 

Dann wird mein Herz nicht mehr zucken

Über den Gruß eines Freundes, der mich lieb hat,

aber nicht am liebsten.

 

Wir Menschen,

dass wir doch erkennen würden,

wie alles eines gilt:

Ob ich dich liebe oder jenes oder alle zugleich,

denn ein Zeitfüllendes ist die Liebe,

um nicht immer den Tod denken zu müssen,

den wir nicht begreifen.

 

Paula Ludwig (1900 – 1973)

 


Wenn die Wolken sich nicht lichten, ist das Wetter gut zum Dichten

kleine weise im april

barbara.f. kolb

 

sitze hier und schau dem regen zu

tropfen hüpfen auf den wegen so

 

wie wagenladungen von liebesperlen

ausgeschüttet von den wolkenkerlen

 

sitze hier im zimmer und ich weiß

wenn es kälter wäre würde eis

 

hageln bis in ritzen ecken winkeln

es ist warm – drum tut nur regen pinkeln

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Und dann gibt es Tage...

... an denen fühle ich mich so

 

flügel lahm

barbara f. kolb

 

links seitig gelähmt

unter mir ab

gründe so ab

grund tief tod

müde von

immer währendem neu

beginn zu leb

zeiten an

dauerndes neu

gebären meiner selbst

 

einen auf

wind wünsch ich mir

der segelnd

mich trüge an

schein des horizonts

dahinten weit

über dem meer

 

an landend

könnte finden

mich und ruhen

eine weile zum

atem schöpfen

und aus

spannen der flügel

 


Aktiviere ClownChakra

 Als ich heute morgen aufwachte, hatte ich keinen Frosch im Hals aber einen Schalk im Nacken. Kommt immer mal wieder vor. Ist nur manchmal ansteckend. Auch das geht vorüber aber hoffentlich nicht auf Dauer...

 

 

Lied des Glöckners zwischen dem 4. und 11. Schlag

Barbara F. Kolb

 

Wenn Schuhe über Röcke stolpern

säum den Saum

 

Wenn Möbel gegen Wände holpern

räum den Raum

 

Soll Kaffee nicht ins Blut dir wallen

schäum den Schaum

 

Wenn Lider über Augen fallen

träum den Traum

 

Dein Gaul will mit dir durch gleich gehen?

Zäum den Zaum

 

Werd ich das Leben je verstehen?

Glaub ich kaum

 


AufBruch

Wir wachsen

 

Atemzug um Atemzug

 

zu unserer wahren Größe,

 

von unserem Menschenverstand

 

kaum zu ermessen.

 

Wir gehen

 

Schritt für Schritt

 

in unser wahres Leben,

 

uns geschenkt seit Immerschon

 

als Geburtsrecht der Seele.

 

Wir dürfen uns erinnern

 

und zutiefst vertrauen.

 

Wir dürfen echt sein

 

glücklich und geborgen.

 

Text, Foto & GardenAngel "Verwandula": Barbara F. Kolb


NeuBeginn

Zu diesem kraftvollen Frühlingsanfang passt ein kurzes aber klares Statement.

 

jetzt

 

nehme

meinen platz ein

 

lasse

meine angst los

 

gehe

in mein leben

 

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb

 


Phantastische Zukunftsmusik - damals...

Mit 17 schrieb ich vor allem Phantastisches und Science Fiction. Gerade habe ich diesen Text wiederentdeckt und ich mag immer noch, was die 17jährige damals  - inspiriert durch einen Song von Kate Bush - geschrieben hat...

 

Delius

 

 Unten am Fluß sitzt ein alter Mann. Frage ihn: “Was tust du hier? Was ist deine Aufgabe?“ und er wird dir antworten. Leise, so daß du dich anstrengen mußt, ihn zu verstehen. Er ist alt und hat fast keine Zähne mehr.

 

„Ich bin der Hüter des Sommers, der Bruder des Wassers.“ Du runzelst die Brauen, belustigt, findest ihn wunderlich. Doch du hast niemanden, mit dem du sprechen könntest, jetzt, in diesem Moment. Also setzt du dich zu ihm, auf den bemoosten Stein, und hörst ihm zu. Und er wird dir erzählen, von dem Murmeln des Flusses, wenn er mit den Kieseln seine Geheimnisse teilt. Von den Fischen, die ihren Weg nach Süden nehmen, und du weißt nicht, was Fische sind. Du schaust staunend in das Gesicht, das von tiefen Gräben durchzogen ist, bewunderst das schmutzigweiße Gestrüpp, das seinen Kopf wie eine Krone umgibt und ekelst dich vor den gelbbraunen Stummeln, die einmal seine Zähne waren.

 

Er stammt aus einer anderen Welt, die nicht die deine ist und du wirst großes Glück haben, wenn er dir ein Stück davon zeigt. Er wird es dir vor die Füße werfen wie einem Hund ein Stück Fleisch. Du wirst es verschlingen, gierig, in einem Stück, und erst wenn du fertig bist wirst du merken, daß du zu kauen vergessen hast. Du hast dich in der Gewalt, natürlich. Du bist kein Spinner, kein Träumer, du bist Realist und der Alte, der gehört in eine Anstalt.

 

Doch du kannst nicht gehen, könntest es nicht, selbst wenn du wolltest. Du siehst seine Finger, die schmal sind, geschmeidig, sehr jung. Sie flechten einen Kranz aus Blumen und du hast nie vorher Blumen gesehen. Du willst fragen, willst alles wissen, doch der Alte sieht dich an und du weißt, daß du schweigen mußt. Der Mund des Alten lächelt dich an, dich, der staunt, denn du hast niemals vorher ein Lächeln gesehen. Du hast keine Angst mehr; wieso hattest du welche? Angst vor einem Irren, lächerlich. Du bist in seiner Gewalt, bist in seinem Bann. Du sitzt an seiner Seite und spürst, daß du diesen Platz nie mehr verlassen wirst. Du wirst Zeit haben, viel Zeit und du wußtest nie vorher, was Zeit ist...

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb

 


Spaßeshalber

Manche Texte schreiben sich einfach aus Lust und purer Freude - und schwupps! sind sie da. So wie der folgende an einem sonnigen Tag. "Reim dich oder ich fress dich" darf hier durchaus wörtlich genommen werden...

 

na basta!

barbara f. kolb

 

auf einem a

horn zweig grad über mir

saß eine b

lau meise und lugt herfür

mit runden k

nopfaugen auf mein

mittags gericht

spaghetti warns die sie erkannte nicht

und dachte dass es würmer sein

die ich so aß da

flog in mein teller lein

und machte sich ganz f

lugs davon mit einer meiner pasta

 

 




Ich bin dankbar

 

 und borge mir die passenden Worte von Helmut Heißenbüttel (1921 - 1996) aus:

 

 

Einfache Sätze

  

Während ich stehe

 Fällt mein Schatten hin

 Morgensonne entwirft die erste Zeichnung

 Blühn ist ein tödliches Geschäft

 Ich habe mich einverstanden erklärt

 Ich lebe

 

 

 


Eine Art Mantra

Wenn im Kopfkino Sorgen mit Ängsten ringen, wenn der Stille Beobachter im eigenen Herzen vor Schreck vom Thron gefallen ist, wenn das Außen laut und das Innen hektisch ist - dann sage ich diesen Text von Kurt Leonhard (1910 - 2005) vor mich hin, bis wieder Ruhe einkehrt zwischen den Worten, die sich irgendwann ganz erübrigen...

 

denke nichts mehr

 

held ohne siege

 

mache dich leer

 

haus ohne wand

 

liege und wiege

 

staub in der hand

 

schenke ihn her

 

fürst ohne land

 

raum ohne dinge

 

 


In Zeiten von Finsternissen zu singen

„Das Licht muss von hinten kommen

 

 damit man seinen Schatten erkennen kann“, sagst du. So hatte ich das noch nie gesehen – wie Recht du hast!

Aber sieh, die meisten Leute wollen in den Sonnenuntergang reiten, ihr Gesicht ins Licht halten. „Geh mir aus der Sonne!“ sagen sie großspurig und du spürst, dass sie nicht viel halten von einer Schmalspurtreterin, wie du eine bist. Pioniere sind selten mainstream. Wer will schon seinen Schatten sehen?

 

Da ist es doch viel angenehmer, wenn er hinter einem zu Boden fällt – „Was hab ich denn mit dem zu tun?“ sagen die auf der Sonnenseite. Ihr Ton ist eine Spur zu laut und zu schrill, ihre diffuse Angst in den Stimmritzen nur schlecht verborgen.

 

Wenn das Licht von hinten kommt und sich vor einem golden zerstreut, kann man der Angst in ihre dunklen Augen blicken. Plötzlich erkennt man sie als alte Freundin, die schon lange wartet. Den Weg will sie dir erhellen, wenn der Schatten zu unheimlich scheint.

 

Nimm sie beide an der Hand, deine Angst und deinen Schatten – und siehe, da ist nichts, was du fürchten müsstest. Beide sind sie aus dem Licht geboren, Drillinge seid ihr aus demselben Samen, eineiig.

 

„Geh du voran!“ sage ich meinem Schatten, „Du kennst ja den Weg.“ und ich folge ihm, ruhig und voller Vertrauen. An den Tagen, an denen das Licht von hinten kommt.

 

Text und Foto: Barbara F. Kolb

 


Was es braucht

ein bett
ein tisch
ein liege
stuhl
kein schrank
aber eine
schale
zum auf
be wahren
der perlen
auf dem weg
ge sammelt

 

Barbara F. Kolb

 


Über Menschsein und Fremdsein (nicht nur) in diesen Zeiten...

migrationshintergrundloswerdeichreduziertaufmeineherkunft
dabeikommeichnochnichtmalvoneinemanderenplaneten
undselbstdasistnichtsicher...

 

Barbara F. Kolb


Mit Drachenzungen

Dass Drachen für uns von Bedeutung sind, lässt sich unschwer erkennen...         

Folgendes Gedicht transportiert lebendige Drachenkraft und mehr.

 Drachenstab gold&blue ,  Barbara F. Kolb

Mit Drachenzungen

Barbara F. Kolb

 

Mit Drachenzungen will ich sprechen

Feuer entfachen

Ideen entzünden

Die Welten verbinden

Schwere weglachen

Will mutig alte Regeln brechen

 

Auf Drachenrücken will ich reiten

Überblick haben

Mit Wolken jonglieren

Die Welten entfrieren

Luftlöcher graben

Leichtfüßig neuen Raum beschreiten

 

Libellenauges will ich schauen

Facetten sehen

Rundumblick besitzen

Die Welten durchflitzen

Durch Träume wehen

Will luftig alten Mief entgrauen

 

Schmetterlingsflügel will ich schwingen

Mich tragen lassen

Luft unter den Flügeln

Die Welten durchsegeln

Verse verfassen

Verwegen neue Lieder singen

 

Mit Herzenskräften will ich weben

Steine erweichen

Verborgenes finden

Planeten entbinden

Welten erreichen

Vertrauend mich ins Neue heben

 

 


DrachenAugenLichtBlicke...Premiere

"There is a crack in everything...that´s how the light gets in." Leonard Cohen

schattengold-kreation "broken heart" by astrid steinbrecher